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Alexander Liebreich

Saison 10|11 ›Architektur‹

SEHR GEEHRTE DAMEN UND HERREN,

wenn man die Begriffe „Musik“ und „Architektur“ nebeneinander stellt, mögen spontane Assoziationen zu traditionellen oder modernen Gebäuden des Konzertbetriebs entstehen. Sicherlich richtig, doch erlauben Sie mir eine persönliche Betrachtung, die uns die programmatischen Perspektiven gibt, eine Saison dem Thema „Architektur“ zu widmen.

Die für mich zentrale Herausforderung des analytischen Partiturstudiums besteht im Erfassen des Status Quo von Proportion und Ordnung einer Komposition. Das mag nach trockener Arbeit klingen, ist aber vielmehr die äußerst spannende wie sensible Suche nach Form. Dabei steht ein ästhetisches Prinzip im Vordergrund: Die variierte Symmetrie. Davon ausgehend, dass Töne, Motive oder größere Bausteine bis hin zu ganzen Sätzen Ihre Entsprechung stets im Gegenüber suchen, sehe ich meine Aufgabe als Dirigent in drei wichtigen Ansätzen:

1. Entsprechungen und Bezüge hörbar zu machen (z.B. Dynamik der einzelnen Spieler/ Gruppen zu verändern, anzupassen oder eine stereophone Orchesteraufstellung zu fordern)

2. Symmetrien bewusst zu variieren (z.B. wörtliche Reprisen oder Echo-Effekte zu hinterfragen und gegeneinander abzugrenzen)

3. Spannungen, Kontraste als Triebkräfte der Dialektik an die Stelle simpler Spiegelungen und Wiederholungen zu setzen.

Diese Perspektive lässt sich bis zur Beziehung zweier Töne konzentrieren. Somit ist das Schwingungs- bzw. Zahlenverhältnis der Töne zueinander (z.B. einer Oktave in 1:2 oder einer Quinte in 2:3) das Ur-Element der Parallelität, welche zu zahlreichen Betrachtungen – und damit auch immer zu Regeln – in Architektur und Musik seit Menschengedenken geführt haben.

Vitruv (ca. 70-60 – ca. 10 v. Chr) verlangt von den Baumeistern, sich in der Musik auszukennen; die Musik enthülle ihnen die Harmonie der Proportionen, lehre sie Symmetrie und Eurythmie (Gleichmaß), anmutiges Aussehen und sinnvolles Gefüge eines Gebäudes. Unter den Künsten schätzt Augustinus (354–430 n. Chr.) die Musik und die Architektur am höchsten ein, weil sie auf Zahlengesetzlichkeiten beruhen. Und für den Florentiner Leon Battista Alberti (1404–1472) gilt: „Die Zahlen aber, welche bewirken, dass jenes oberste Naturgesetz der Stimmen erreicht wird, welches den Ohren so angenehm ist, sind die selben, die es zustande bringen, dass unsere Augen und unser Inneres mit wunderbarem Wohlgefühl erfüllt werden.“

Sicherlich waren Musiker zu jeder Zeit abhängig von den Räumen, die ihnen zur Verfügung standen. Die Entwicklung von der gotischen Kathedrale mit ihren langen Nachhallzeiten zur Barockkirche mit der deutlich trockeneren Akustik bedingt musikhistorisch einen entscheidenden Schritt vom feierlichen Choral hin zur polyphonen Virtuosität eines Johann Sebastian Bach. Und später geht die Entwicklung des virtuosen Solokonzerts nahtlos einher mit der des bürgerlichen Konzertsaals.

Luigi Nono – verwurzelt in der venezianischen Tradition der Doppelchörigkeit der Gabrielis – beschäftigt sich vielschichtig mit Architektur. Gemeinsam mit Renzo Piano präsentiert er beim Projekt „Il Prometeo“ eine Klangmaschine, die Auditorium und Musikinstrument zugleich ist. Ganz anders sein Werk „Incontri“ (Begegnungen): Die Partitur wird in der Mitte an einer Achse Ton für Ton gespiegelt. Somit läuft auch vom zeitlichen Mittelpunkt des Werkes die Musik wörtlich rückwärts ab – trotz scheinbar simpler Achsen-Spiegelung ist das für den Hörer nur schwierig nachvollziehbar.

Hier wird der entscheidende Unterschied in der ästhetischen Wahrnehmung von Musik und Architektur deutlich: Musik wird in der Zeit, Architektur hingegen im Raum erfahren. Und genau in diesem Spannungsfeld der scheinbaren Unvereinbarkeit der Wahrnehmungen bewegt sich der 1922 geborene Grieche  Iannis Xenakis wie kein anderer als „komponierender Architekt“. Auf der Suche nach neuen Integrationsmöglichkeiten bricht er die Isolierung der einzelnen Künste auf und gestaltet Wahrnehmungsbereiche von Sichtbarem und Hörbarem neu, Tautologien dabei stets vermeidend. Im Stück „Voile“, komponiert 1995 für das Münchener Kammerorchester, ist das Partiturbild optisch als Segel konzipiert. Das Orchester sitzt gestreckt und gespannt im Raum; der Klang schließlich greift wie ein zweites Segel vom Musizierenden auf den Hörer über, indem kurz hintereinander gestaffelte Einsätze einen Toncluster aufblähen.

Im achten Jahr unserer Reihe „Nachtmusik der Moderne“ in der Rotunde der Pinakothek der Moderne werden wir neben Iannis Xenakis auch Karl Amadeus Hartmann und Georg Friedrich Haas Porträtkonzerte widmen. Haas schreibt für diesen Anlass ein neues Werk für das MKO – bereits die zweite Zusammenarbeit mit dem österreichischen Komponisten. Zwei weitere Kompositionsaufträge des MKO in der nächsten Saison gehen an Komponisten mit einer erklärten Affinität zu „architektonischen“ Strukturen, an den ebenfalls aus Österreich stammenden Klaus Lang und an den gebürtigen Ungarn Márton Illés.      

Zur Saisoneröffnung stehen neben Luigi Nono die beiden wohl größten Meister des „Tonschöpfens“, deren Formbewusstsein und architektonische Vollendung im Komponieren zum Maßstab für die Musikgeschichte wurden: Johann Sebastian Bach und Ludwig van Beethoven. Bei beiden wollen wir im 1. und 2. Abonnementkonzert die Perspektive schärfen auf Werke, die durch ihre strenge innere Bauform bestechen: Zum einen Bachs „Fuga“ aus dem „Musikalischen Opfer“ und Kontrapunkte aus der „Kunst der Fuge“, zum anderen Beethovens 4. Sinfonie und die fast schon störrisch anmutende „Große Fuge“.

Kompositionen von „Klassikern des 20. Jahrhunderts“ wie Stravinsky, Schostakowitsch und Bartók, die sich mit bestehenden Formen wie Suite, Konzert oder Sinfonie beschäftigen und meisterhaft-virtuos neue Proportionen schaffen, stehen neben Werken wie Barbers „Knoxville“ oder Romitellis „Nameless City“, die einen völlig anderen architektonischen Bezugsrahmen – den Blick auf das Städtische – eröffnen.

In meiner Arbeit mit dem Münchener Kammerorchester ist es mir ein zentrales Anliegen, die inneren Strukturen und Zusammenhänge von Musik erlebbar zu machen. Dabei ist es gerade von Vorteil, dass die eher reduziert-konzentrierte Besetzung dieses Ensembles zusammen mit seiner Gestaltungskraft den Kompositionen Profilschärfe verleiht. Somit mag es einer „Rheinischen Sinfonie“ von Schumann, die unter dem tiefen Eindruck des Kölner Doms entstand, von großem Nutzen sein, mit einem Kammerorchester aufgeführt zu werden. Fragen zur Instrumentation oder inneren Verschränkung lassen sich leichter beantworten, die Kraft von Klang und Rhythmus klarer vermitteln.

In dieser Saison feiert das Münchener Kammerorchester sein 60-jähriges Bestehen, ein Jubiläumsjahr also. Für uns ist dies ein Grund und Ansporn, nicht den üblichen Almanach-Gedanken zu bedienen, sondern den Blick nach vorne zu wenden und Begegnungen zu schaffen, die höchstes Niveau und Spannung versprechen.

Als Gastdirigenten werden mit Olari Elts, Jérémie Rhorer und François-Xavier Roth drei der interessantesten Vertreter der jüngeren Dirigenten-Generation das MKO leiten. Als Solisten dürfen wir unter anderem Olli Mustonen, Pieter Wispelwey, Veronika Eberle, Kristian Bezuidenhout, Christiane Oelze, Martin Grubinger, Alice Sara Ott, Mojca Erdmann, Carolin Widmann und den jungen schwedischen Cellisten Andreas Brantelid begrüßen, der sein Debüt in München geben wird.

Das Münchener Kammerorchester vereint in seiner einzigartigen Qualität ein homogen gewachsenes Streicherensemble mit hervorragenden Bläsern aus europäischen Spitzenorchestern. Das sind die Bausteine besonderer Konzerterlebnisse, die ich Ihnen aus tiefster Überzeugung ans Herz legen möchte.

 

Ihr Alexander Liebreich
Künstlerischer Leiter