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Alexander Liebreich

Saison 09|10 ›Jenseits‹

SEHR GEEHRTE DAMEN UND HERREN,

das Jenseits ist über Zeit und Raum erhaben und entzieht sich jeglicher menschlicher Vorstellung. Trotzdem scheint allein die Unfassbarkeit des Jenseits unserem diesseitigen Dasein Sinn und Recht zu verleihen: Es schenkt uns Visionen und Träume, seine Ungewissheit macht Angst, die Unbegrenztheit hingegen spendet Kraft und Trost. Auch ohne religiöse Motivation wird das Leben erst durch unsere Projektion ins Jenseits erfüllt und sinnhaft. Das erste Bewusstwerden unseres Seins beginnt im frühen Kindesalter: das noch zarte Diesseits wird hier großzügig angereichert mit Spiel und Phantasie und erwächst zum beneidenswerten Reichtum der Kinderwelt. Mit zunehmend nahendem Abschied vom Leben gewinnt die Frage nach dem “Drüben” enorm an Bedeutung, wieder wenden sich Geist und Idee vom Diesseitigen weg und suchen nach Wegen in eine andere Welt. 

 

Du sollst ja nicht weinen,
sagt eine Musik.

Sonst
sagt
niemand
etwas.

Ingeborg Bachmann

 

In Luzern begegnete ich den Bildern des japanischen Fotografen Hiroshi Sugimoto, der einmal die Schubert’sche Jenseits-Phantasie des „Erlkönig“ als seine prägendste musikalische Erfahrung beschrieben hat und dessen berühmte "Seascapes" für mich zu den eindrücklichsten und konzentriertesten Jenseits-Visualisierungen gehören. Aber die Musik hat vielleicht noch einmal eine andere Dimension: als Abstrakteste aller Künste beginnt sie dann eine Brücke zum Jenseits zu bauen, wenn andere Formen zum Schweigen kommen. Wenn im Film aus der Stille böse Vorausahnungen zur erschreckenden Vision werden, wenn beim versöhnlichen oder auch leidvollen Ende die Zeit anhält, kann die Musik wie selbstverständlich dort anschließen, wo Worte und Bilder nicht weiter reichen. Mozarts „Requiem“ und Mahlers „Adagietto“ gehören auch deshalb zum Berührendsten der Musikliteratur, weil sich hier die Tür ins Jenseits einen Spalt zu öffnen und den Blick auf Unfassbares zu richten scheint.

Die magischsten Momente im Konzert entstehen, wenn sich im Raum wie automatisch eine Glocke über Orchester und Publikum entfaltet, wie selbstverständlich getragen von einer musikimmanenten, aber nicht greifbaren oder festzuhaltenden Wahrheit. Plötzlich weiß man, dass das Diesseits nicht mehr ausreicht, um diese größte Schönheit zu begreifen. Dabei stehen Freude und Trauer, Geborgenheit und Einsamkeit, Leben und Tod wie ewige Partner immer nebeneinander.

Im Rahmen einer Konzertsaison dem Thema „Jenseits“ nachzuspüren, fällt leicht und schwer zugleich. Freilich wird gute Musik immer die dialektische Brücke zwischen Hier und Dort zu spannen wissen. Trotzdem gibt es Werke und Komponisten, die im Real-Irdischen nur schwer Verankerung finden. Dabei stehen Schuberts „Unvollendete“, Mozarts „Don Giovanni“ und Wagners „Siegfried Idyll“ beispielhaft für eben Erwähntes; Takemitsus Requiem für Streichorchester greift die Thematik ebenso bereits im Titel auf wie Richard Strauss’ großartiger später Abgesang auf eine versunkene Kultur, die „Metamorphosen“. Wenn aber der zweite Satz von Ravels G-Dur Konzert für Klavier mit einem schwerelosen Walzer beginnt und Mahler – als Komponist Inbegriff des Nicht-Verankerten – mit seiner 4. Sinfonie von Satz zu Satz schrittweise den Weg vom irdenen zum himmlischen Leben aufzeigt, dann werden die greifbaren Gesetze von Zeit und Raum außer Kraft gesetzt und es tritt der Zustand ein, für den Mahler selbst die wunderbare Formulierung findet: „Ich bin der Welt abhanden gekommen.“ Selbiges gilt an der wohl entscheidendsten Grenze der Musikgeschichte -  dem Jenseits der Tonalität – für die Musik Anton Weberns wie später auch für György Kurtags miniaturhafte Verdichtungen.

Mit dem kanadischen Komponisten Claude Vivier gilt es im Rahmen unserer Komponistenportraits in der Pinakothek der Moderne eine Künstlerpersönlichkeit zu entdecken, von der György Ligeti sagte, er sei der herausragende französische Komponist seiner Zeit. Da er mit drei Jahren adoptiert wurde, wusste er sein Leben lang nicht, wer seine leiblichen Eltern waren; ein Umstand, der seine Persönlichkeit, aber auch seine künstlerische Entwicklung prägte. Seine Neugier und seine Vorstellungskraft waren fast grenzenlos: "Das Bewusstsein, weder Vater noch Mutter zu haben, ließ mich in eine leuchtende Traumwelt gelangen; ich formte mir meine Herkunft so, wie ich wollte, und tat, als ob ich fremde Sprachen spräche.“ 34-jährig wurde Claude Vivier in Paris unter mysteriösen Umständen ermordet aufgefunden. Zwei weitere Komponistenporträts sind einem Klassiker des 20. Jahrhunderts - Paul Hindemith - und dem estnischen Komponisten Erkki-Sven Tüür gewidmet, einem anderen Grenzgänger der zeitgenössischen Musik, mit dem das MKO seit Jahren eine kontinuierliche Zusammenarbeit pflegt.

Der Tradition des Müncheners Kammerorchester folgend, werden auch in dieser Saison Neukompositionen und Erstaufführungen erklingen. Neben Uraufführungen von Peter Ruzicka und Samir Odeh Tamimi steht auch eine erste Zusammenarbeit mit dem französischen Komponisten Mark Andre auf dem Programm, dessen Werke immer wieder existenzielle oder metaphysische Fragen thematisieren. Mit der deutschen Erstaufführung von Hobevalge (Silverwhite) möchten wir die junge estnische Komponistin Helena Tulve vorstellen. Den Geschwistern Carolin und Jörg Widmann widmet das MKO als Sonderkonzert eine „carte blanche“, also die Möglichkeit, einen Abend mit dem Orchester zu gestalten.

Als Solisten freuen wir uns, in dieser Saison u.a. Sandrine Piau und Christoph Prégardien, Pekka Kuusisto und Jean-Guihen Queyras, Alexander Lonquich und Antoine Tamestit in Kombination mit den Gastdirigenten Dennis Russell Davis, Alessandro de Marchi und Thomas Zehetmair begrüßen zu dürfen. 

Ich selbst schätze mich sehr glücklich, mit dem Münchener Kammerorchester ein Ensemble von Weltniveau leiten zu dürfen, dessen exquisite Streicherbesetzung sich regelmäßig mit den besten Bläsern europäischer Spitzenorchester zu außergewöhnlichen Konzerten zusammenfügt und damit immer genug Potenzial bietet, dem Diesseits, aber auch meiner und Ihrer Neugier eine neue Dimension zu bieten.

 

Ich freue mich auf die Konzerte und auf Ihren Besuch.

Herzlich, Ihr

 

Alexander Liebreich
Künstlerischer Leiter